Gestatten, Turniertrottel!

Über diesen scherzhaften Ausdruck können Nadine und Sandra nur lachen, denn sie wissen, dass ohne sie vieles gar nicht laufen würde. Die beiden Pferdepflegerinnen erzählen, warum es sie immer wieder in den Stall zieht.

Pferde sind ihre große Liebe, das Reiten ihre Leidenschaft. Seit ihren frühen Kindertagen sind Nadine Kerger und Sandra Fennig, beide 22 Jahre alt, immer wieder in den Stallboxen zu finden. Mittlerweile wissen sie (fast) alles über Pferde und reiten so gut, dass sie selbst Reitstunden geben können.

Nadine (links) hat gerade ihre Ausbildung zur Zahnarzthelferin beendet, Sandra wird im kommenden Jahr ausgebildete Erzieherin sein. Der Traum von einem eigenen Pferd lässt sich noch nicht erfüllen, das Reiten ist zu kostspielig, um es allein finanzieren zu können. Doch die beiden haben einen Weg gefunden, ihr Hobby voll ausleben zu können. Sie arbeiten nebenbei als Pferdepflegerinnen auf dem Reiterhof Schulz, auf dem zirka 45 Schulpferde und rund 25 Berittpferde, also Pferde, die in Privatbesitz sind, stehen. So kommen sie mit prächtigen Pferden in Kontakt, können mehrfach täglich reiten, sind umgeben von Menschen, die ihre Liebe teilen und bekommen dafür auch noch ein bisschen Geld. "Man darf reiten und tut was dafür", bringt es Sandra auf den Punkt. Wie viel man dabei allerdings verdient, darüber spricht man im Allgemeinen nicht, vor allem nicht untereinander. Vieles ist Verhandlungssache, auch das, was mit hineingerechnet wird und was nicht.

Ihre Aufgabenbereiche unterscheiden sich in vielen Dingen voneinander. Sandra ist in erster Linie in der Bahn als Reitlehrerin anzutreffen, Nadine bei den Pferden des Chefs Thomas Schulz, selbst erfolgreicher Turnierreiter. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber: Beide werden von ihm unterrichtet. "Alles andere würde keinen Sinn machen", sagen sie übereinstimmend. Sandra wird unterrichtet, damit sie auf Turnieren gut abschneidet. Nadine bekommt Stunden bei ihm, damit sie Schulz'Pferde nach seinen Vorstellungen reiten kann.

Mit sichtlicher Begeisterung erzählt Sandra von ihren Reitstunden: "Ich gebe allen Unterricht, am liebsten jedoch Kindern. Erwachsene lernen schlechter, sind steifer und haben mehr Angst. Die denken viel zu viel nach. Kinder machen das, was man ihnen sagt - oder auch nicht - und haben Spaß bei der Sache. Sie können viel besser umsetzen, was man ihnen erklärt." Und was stört die junge Frau am meisten? Die Antwort kommt prompt: "Nervende Mütter an der Seite. Am schlimmsten sind die von kleineren Kindern." Das beste Einstiegsalter für den Reitsport sei die erste Klasse, empfiehlt die angehende Erzieherin.

Nadine dagegen arbeitet lieber mit Erwachsenen. Sie ist hauptsächlich für die Turnier- und Berittpferde zuständig: "Der Pfleger bewegt die Pferde, der Reiter bildet sie aus und trainiert mit ihnen. Ich reite locker, der Trainer arbeitet." Bei Turnieren begleitet Nadine Thomas Schulz und kümmert sich um die Tiere. Das Reiten vor den Wettkampfrichtern macht Schulz, für alles andere ist Nadine zuständig, auf die er sich hundertprozentig verlassen kann und muss. "Ich kenne die Pferde besser als Thomas", ist sich Nadine ganz sicher.

"Die Pferde kennen uns auch", ergänzt Sandra. Nicht ohne Stolz erzählen die beiden, dass die Pferde auf der Koppel oft weglaufen, wenn aber einer von ihnen kommt, traben sie an, senken den Kopf und lassen sich bereitwillig die Trense umlegen. Nadine und Sandra meinen, dass Pferde in erster Linie an der Umgebung hängen, nicht so sehr an den Menschen. Sie wissen genau, wo sie wohnen, aber auch, wer gut und wer böse ist. Zu den Letzteren zählen in der Regel die Tierärzte. Pferde merken sehr genau, wer die Respektspersonen sind. Sandra und Nadine zählen auf jeden Fall dazu.

In den Ferien geht es auf dem Reiterhof hoch her. Da muss alles wie am Schnürchen klappen und das Team Hand in Hand arbeiten, denn dann wollen rund 80 Reiter täglich aufs Pferd steigen. Das erfordert auch die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für Mensch und Tier. Sandra und Nadine erledigen die Aufgaben mit Disziplin und natürlich auch viel Spaß. Da kann der Chef guten Gewissens für einige Tage fort, denn er weiß, dass "seine Mädels" den Laden in Schwung halten.

Bei aller Begeisterung sagen die beiden auch, dass sie trotz allem doch Distanz zu den Pferden halten - und es für sich auch müssen. Schließlich kommt es oft vor, dass die Tiere den Besitzer und damit den Stall wechseln. "Das ist immer wieder traurig", sagt Nadine. "Ja," nickt Sandra, "aber man gewöhnt sich dran."

Mehr Infos:

Ausbildung zum Pferdepfleger - Zulassung und Prüfungsanforderung

Verordnung über die Berufsausbildung zum Pferdewirt

Als Pferdepflegerin bei den Olympischen Spielen 2008

Fotos: Pixelio.de, Jutta Schult

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