Wilde Pferde in Norddeutschland

Eine warme Box, täglich drei Mal Kraftfutter und im Winter eine kuschelige Decke - das braucht jedes Pferd zum Glücklichsein? Was vielen Menschen unerlässlich erscheint, haben Pferde oft gar nicht nötig. Ihre wahren Bedürfnisse werden mitunter mit falschen Vorstellungen der Menschen verwechselt. Lesen Sie, wie Nadine Sorgenfrei Pferde in purer Natur erlebt hat:




Die stürmische See schlägt hohe Wellen und salzige Luft weht uns um die Ohren, als wir durch eine karge Landschaft stapfen. Da sehen wir sie plötzlich vor uns: zwei Herden wilder Ponys. Aufmerksam blicken die grauen Stuten zu uns herüber, die Fohlen dicht an ihre Bäuche geschmiegt. Zwei junge Hengste interessieren sich dagegen wenig für uns - sie tragen gerade mit hoch strampelnden Hufen und gebleckten Zähnen aus, wer der Stärkere ist.
Wer bei dieser Szene vielleicht an das raue Island denkt, liegt falsch. Wilde Pferde findet man auch bei uns: im Norden Schleswig-Holsteins im Naturschutzgebiet Geltinger Birk. Auf der Halbinsel in der Flensburger Förde leben drei Herden mit mittlerweile 60 Tieren. Die halbwilden Koniks wurden 2002 in der Geltinger Birk angesiedelt. Für Spaziergänger und Besucher ist der Anblick der grau-schwarzen Ponys mit dem Aalstrich sicherlich ein Vergnügen, die Tiere haben aber in erster Linie einen Job zu erledigen: Fressen. "Die robuste Rasse eignet sich hervorragend für den Einsatz als vierbeinige Landschaftspfleger", erklärt Antje Walter, die Flächenmanagerin der Stiftung Naturschutz (www.sn-sh.de). "Sie können ohne Probleme das ganze Jahr im Freien leben und kommen im Winter mit dem kargen Futterangebot der Naturschutzflächen aus. Die Koniks tun für uns das, was früher Waldelefanten oder Riesenhirsche ganz natürlich erledigt haben: aktiv das Aussehen der Landschaft gestalten."
So ist das Naturschutzgebiet "Wilde Weiden" keine zugewucherte Koppel, sondern bildet eine landschaftliche Vielfalt in der Wälder, Moore, offenes Grünland und Gebüsche fließend ineinander übergehen.
Bis auf tägliche Kontrollen aus einem respektvollen Abstand werden die Pferde in Ruhe gelassen. Diese naturnahe Haltung wirkt sich ungemein positiv auf die Gesundheit der Tiere aus. "Nur ganz selten, z. B. bei schweren Verletzungen oder Krankheitssymptomen greifen wir ein", sagt Diplom-Biologe Nils Kobarg. "Die typischen Zivilisationskrankheiten der Reitställe wie Verfettung oder Husten haben unsere Pferde sowieso nicht. Frische Luft, ausreichende Bewegung und das kräuterreiche, nährstoffarme Futter halten sie gesund."
Vor Menschen fürchten sich die Tiere nicht, einige benehmen sich ganz zahm, lassen sich von uns die Mähne streicheln. Die Pferde haben eben noch keinerlei schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht, sie kennen nur Spaziergänger und die Biologen des Naturschutzgebietes. "Wildpferde müssen sich ja nicht immer wild benehmen", so Nils Kobarg. "Aber an ihrem Verhalten merkt man schon, dass sie nur die Natur kennen. Möhren oder Äpfel zum Beispiel würden sie nicht fressen. Denn die wachsen hier schließlich nicht."

Foto's: N. Sorgenfrei/Pferde-Welt.Info
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